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Schwester M. Aloysia Löwenfels ADJC

Eine Kurzbiografie

Luise Löwenfels wurde in Trabelsdorf – heute Landkreis Bamberg – am 5. Juli 1915 geboren, in dem Dorf, aus dem auch ihre Mutter, Sophia Prölsdörfer, stammte. Ihr Vater, Salo­mon Löwenfels war ein anerkannter und geschätzter Metzger und Viehhändler, der am 6. Juli 1923 unerwartet starb, sehr zum Leidwesen von Luise, die das elfte Kind der Familie war und nach dem frühen Tod ihrer noch jüngeren Schwester selbst als jüngstes Kind aufwuchs.

Nach dem ersten Weltkrieg zog die Familie 1921 – wohl aufgrund der für Viehhändler in diesem Raum schwieriger gewordenen wirtschaftlichen Situation in den bei Ingolstadt gelegenen kleinen Ort Buxheim. Von 1922 bis 1926 besuchte Luise dort die Volksschule. Danach zog ihre Mutter mit ihr und einigen wenigen Geschwistern nach Ingolstadt, dem Ort, wo auch andere Mitglieder ihrer Familie lebten. Luise wurde in die von den „Gnadenthaler Schwestern“ geführte „Höhere Töchter­schule“ geschickt. Sie beendete die sechsjährige Schulzeit erfolgreich und nahm dann noch zwei Trisemester an der neu eingerichteten Handelsschule teil. Hieran schloss sich in Nördlingen der Besuch des Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnen-Seminars an, das von den Maria-Stern-Schwestern aus Augsburg geleitet wurde. Ostern 1935 endete die Ausbildung.

Für kurze Zeit war Luise als Kindermädchen in einer wohlhabenden jüdischen Familie in Recklinghausen tätig. Von dort führte sie ihr Weg in ein von der jüdischen weiblichen Fürsorge geleitetes Kin­derhaus in Frankfurt-Sachsenhausen, das in der Nähe eines Konvents der Armen Dienstmägde Je­su Christi lag, zu denen sie Kontakte knüpfte. Über die Schwestern lernte sie Kaplan Richard Keuyk der nahe gelegenen Bonifatiuskirche kennen, der zu ihrem geistlichen Begleiter wurde. Am 30. Mai 1947 schreibt Pfarrer Keuyk – zu der Zeit Pfarrer in Oberhöchstadt – an die Generalleitung der Dernbacher Schwestern in Dernbach:

„Ich lernte Luise Löwenfels kennen, als ich Kaplan an der St. Bonifatius-Kirche in Frankfurt a.M.- Süd war. Die erste Begegnung mit ihr wird mir unvergesslich bleiben. Ihre Persönlichkeit machte auf mich den stärksten Eindruck. Mit einer bewunderungswürdigen Seelenruhe berichtete sie mir zwei Stunden lang über ihr äußeres und ihr inneres Leben. Da saß ein Menschenkind vor mir, von dem ich den Eindruck gewinnen mußte, daß es, um mit den Eingangsworten des Epheserbriefes zu sprechen, von Gott in Jesus Christus auserwählt und durch Jesus Christus zu seinem Kind vorherbestimmt war. Und nicht allein auserwählt und vorherbestimmt, es schien mir auch, als ob, um mit Paulus weiter zu sprechen, der Reichtum der göttlichen Gnade samt aller Weisheit und Einsicht auf dieses edle jüdische Mädchen ausgegossen war. Ohne den geringsten Anflug von Bitterkeit sprach sie zu mir über ihr Leid erfülltes Leben, über das, was ihr bereits genommen war und über das, was sie noch verlieren sollte. […]

Sie legte mir auch Briefe vor, die einer ihrer Brüder ihr geschrieben hatte, in denen sie in geradezu erschütternder Weise beschworen wurde, dem jüdischen Gesetz nicht untreu zu werden. Trotz des Schmerzes, den sie ihrer Mutter und ihren Brüdern bereitete, war sie fest entschlossen, zur katholischen Kirche überzutreten. »Ich werde katholisch«, sagte sie zu mir in aller Demut und Gelassenheit, »auch wenn ich um meines Glaubens willen Deutschland verlassen und nach England oder nach Amerika gehen müsste.« Nach dieser ersten Begegnung kam sie wiederholt zu meinen Vorträgen, die ich damals über Kardinal Newman und seine religiöse Welt hielt. So oft sie mir mit ihren jüdischen Kindern, denen sie eine treue Pflegerin war, auf der Straße begegnete, lächelte sie auf eine Weise, die Gewinn und Verlust, Freude und Schmerz in seltsamer Mischung offenbarte. […]     

Die gerade in Frankfurt zunehmende Bedrohung der jüdischen Bewohner ließ Luise auch hier nach kurzer Zeit wieder aufbrechen. Da die meisten Melderegister in Frankfurt den Bombenangriffen oder der Vernichtung am Kriegsende zum Opfer gefallen sind, kann der genaue Zeitpunkt nicht bestimmt werden. Sicher ist, dass sie am 25. November 1935 in Mönchengladbach-Hehn in der Kapelle der Dernbacher Schwestern, die dort eine größere Niederlassung hatten, getauft worden ist. Die Ver­mutung liegt nahe, dass sie mit Hilfe einer katholischen Familie, die sie in Recklinghausen kennenge­lernt hatte, nach Mönchengladbach gekommen ist. Die Tante der jungen Frau, mit der sie sich ange­freundet hatte, gehörte zu den Armen Dienstmägden Jesu Christi und war von der Familie um Hilfe gebeten worden.

Als eine der Haushaltungsschülerinnen, die im Haus arbeiteten und wohnten und von Luise nachmit­tags betreut wurden, sie als Jüdin erkannte und denunzierte, entschied sie sich, in die Niederlande zu gehen, wo die Dernbacher Schwestern nicht allzu weit von der Grenze entfernt Niederlassungen haben. Im September 1937 hat Luise um Aufnahme in die Gemeinschaft gebeten und am 8. September 1940 ihre Erste Profess abgelegt. Auf ihren Wunsch hin hatte sie den Namen Schwester M. Aloysia erhalten. So lebte und arbeitete Luise vom 3. März 1936 bis zum 2. August 1942 in Geleen-Lutterade (Niederlande), bis zu dem Tage, an dem die Ordensleute jüdischer Abstammung ebenso wie sonstige getaufte Juden zusammen mit zahlreichen weiteren Juden aus den Häusern geholt und deportiert wurden. Zusammen mit Edith Stein und anderen Ordensleuten wurde sie über das Lager Amersfort in das Kamp Westerbork und von dort am 7. August 1942 nach Auschwitz gebracht. Hier wurden sie sofort nach ihrer Ankunft zusammen mit zahlreichen anderen Häftlingen in die Gaskammer geschickt. Zeugenaussagen erlauben es, als Datum der Hinrichtung den 9. August 1942 als verbindliches Todesda­tum festzuhalten.

Luise wird als ein eher zurückhaltender, stiller Mensch geschildert, der nicht viel von sich und seiner Familie erzählte. Ihre Hinwendung zum katholischen Glauben, die durch ihre Kontakte zu Schwestern in der Höheren Töchterschule in Ingolstadt und in dem Kindergärtnerinnenseminar in Nördlingen, wo sie ihre Ausbildung absolvierte, genährt worden war, erwies sich als Antwort auf einen Ruf Gottes. Es lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass sie die Geborgenheit in der Kirche suchte, angesichts der zunehmenden Verunsicherung und Gefährdung der jüdischen Bevölkerung. Ihre Berufung, von der man zweifellos sprechen kann, lässt sich jedoch an ihrem Weg zur Taufe und dann in die Ordensgemeinschaft ablesen, wird aber auch erkennbar in einem Gedicht, das sie am Tag ihrer ersten Profess einer Mitschwester schenkte.

J.M.J.

Opferseelen

Im Feuer der Liebe geläutert,
auf dornigen Pfaden geleitet,
Füße und Leib verwundet.
Die Seele gequält, voller Sturm,
um endlich sich wiederaufzurichten
aus allen Widrigkeiten
und Gott in heiliger Liebe anzugehören,
von Menschen gelöst –
allein mit Gott –
der Weg dahin –
voll vom Schmerz der Seele, voll Leid und Qual. –
Doch manchmal dringt ein Sonnenstrahl
in das tief verwundete Herz.
Lässt für Minuten vergessen den Schmerz,
um danach mit doppeltem Schmerz
zu erfüllen das trostlose Herz. –
Dann löst sich langsam Band um Band.
Die Seele wird fremd,
den Menschen entzogen.
Je näher sie kommt
der Vereinigung mit Gott,
desto einsamer geht sie auf dem Weg der Tugend.
Das ist die Seele, die Gott allein lieb hat.

Lies in schweren Augenblicken diese Worte
und bete für mich.

Sr. M. A. Lutterade, 12. Sept. 1940

Von Schwester Aloysias „Lebenswerk“ ist so viel zu sagen, dass sie durch ihre Entscheidungen ihren Weg zum katholischen Glauben gefunden hat und dass sie ihn glaubwürdig bis zum Tod in den Gaskammern von Auschwitz bezeugt. Die Jüdin, die Christin geworden ist und den Märtyrertod erleidet, wird nur 27 Jahre alt. Auch wenn die Gefährten und Gefährtinnen von Edith Stein bei der Heiligsprechung nicht erwähnt worden sind, so muss man davon ausgehen, dass sie zu den Seligen gehören, zu denen die Kirche zu Recht als Vorbildern des Glaubens aufschaut. Zu ihnen zählt auch Schwester M. Aloysia – Luise Löwenfels. Ein entsprechendes Seligsprechungsverfahren ist in der Diözese Limburg im Jahr 2015 eröffnet worden.

Sr. M. Christiane Humpert ADJC (im Juli 2021)